Herzogenberg und Heiden
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Vom Abendroth zum Morgenroth

Nur Insidern bekannte Zusammenhänge
 

Viel wurde über Heinrich von Herzogenberg und das ‹Abendroth› geschrieben, meist realistisch und gut dokumentiert, oder aber dichterisch verfremdet, wie in Wildenbruchs Novelle «Das tote Haus am Bodensee», mit der die Herzogenberg-Tage 2002 eingeleitet wurden. Weniger bekannt ist, dass sich seewärts vom ‹Abendroth›, nur einen Steinwurf entfernt, ein ehemaliges Appenzeller Bauernhaus an den Hang schmiegt, welches ‹Morgenroth› genannt wird. Diese Namensverwandtschaft ist kein Zufall, bestanden doch enge Zusammenhänge zwischen den beiden Häusern.

Die ersten beiden Einträge im erhalten gebliebenen «Fremdenbuch für Häuslein Morgenroth» (gestiftet von Auguste Grimm, Tochter des Märchendichters Wilhelm Grimm) sind hier abgebildet:

Heinrich von Herzogenberg als "Baumeister" an der Einweihungsfeier des "Morgenroths"


Herzogenberg als Baumeister, oder besser gesagt als Architekt? Das war nichts Neues. Er hatte, zusammen mit seiner Frau, schon die Pläne für das ‹Abendroth› angefertigt und genauestens auf ihre und seine Bedürfnisse abgestimmt. Doch wie kam er dazu, auch den Umbau seines Nachbarhauses zu planen und zu leiten?

Unter den vielen Besuchern, die im ‹Abendroth› ein und aus gingen, war auch Herzogenbergs Kollegin Elise Breiderhoff. Ihr gefiel es ausserordentlich gut in Heiden und sie ergriff die Gelegenheit, für ihre Sommerurlaube das kleine, ca. 1803 erbaute Bauernhaus unterhalb des ‹Abendroth›, mit wunderbarer Aussicht auf den Bodensee, zu kaufen. Da war es für Herzogenberg wohl eine erwünschte Abwechslung, sich neben dem Komponieren auf einem ganz anderen Gebiet kreativ zu betätigen. Nicht ohne berechtigten Stolz wird er, zusammen mit Helene Hauptmann, die aus Berlin angereiste Hausbesitzerin empfangen haben. Bemerkenswert ist das Datum des 16. Juli 1898, nur 14 Tage nach Fertigstellung der Partitur zur «Erntefeier», dem Höhepunkt der Herzogenberg-Tage 2002.

Frau Breiderhoff stammte aus Luckau in der Lausitz, 60 km südlich von Berlin. Sie war Professorin für Gesang an der Musikhochschule Berlin. Von 1898 bis 1918 verbrachte sie die Sommermonate in Heiden, in der Regel von Mitte Juli bis gegen Ende September. Stets wurde sie begleitet von ihrer geliebten Pflegetochter Hedwig Mattner (die während der Zeit des Nationalsozialismus in einer psychiatrischen Klinik umgebracht wurde) und meist einigen ihrer Gesangs-Schülerinnen. Das «Fremdenbuch» belegt, dass auch im ‹Morgenroth› fast unbegrenzte Gastfreundschaft gepflegt wurde. Viele Besucher waren in beiden Nachbarhäusern zu Gast. Leider dauerte das unbeschwerte, freundschaftliche Neben- und Miteinander von ‹Abend- und Morgenroth› nur einen Sommer lang. Schon 1899 tauchen zwar die Namen von gemeinsamen Freunden noch im Gästebuch auf, jener von Heinrich von Herzogenberg aber nicht mehr, obschon dieser noch einige Wochen in Heiden verbrachte, zum letzten Mal. Offenbar war er schon so krank (und auf den Rollstuhl angewiesen), dass der Weg ins ‹Morgenroth› zu beschwerlich war.

Im ‹Morgenroth› herrschte weiterhin ein fröhliches Gesellschaftsleben. Elise Breiderhoff muss eine ausgezeichnete Gastgeberin gewesen sein, denn das Gästebuch ist voll von überschwenglichen Dankbarkeitsbezeugungen, teilweise in Versform oder als Zeichnungen. Es wurden Hauskonzerte gegeben (auch unter Mitwirkung von hervorragenden Musikern aus dem Kreis der Gäste), kostümierte Singspiele wurden aufgeführt, es wurde gekegelt und - nicht zuletzt - gut gegessen. Besonders gefeiert wurde stets Goethes Geburtstag am 28. August. Leider ist die im Gästebuch zumeist verwendete Deutsche Kurrentschrift oft fast nicht zu entziffern, sodass wahrscheinlich noch einige Trouvaillen zu machen wären (wer hilft uns?).

 

                                          

Gästeliste der Feier zu Goethes Geburtstag am 28. August und der Fahnenweihe am 7. September 1898.


Die Gästeliste umfasst neben «gewöhnlichen» Leuten naturgemäss zahlreiche Musiker und andere Exponenten des kulturellen Lebens, oft Jahr für Jahr die selben. Auffallend häufig - und für uns Schweizer ungewohnt - erscheinen Personen mit einem ‹von› im Namen oder gar einem Adelstitel. Stellvertretend seien einige bemerkenswerte Gäste erwähnt:

- Helene Hauptmann, «Mädchen für Alles», treu besorgte Gefährtin Herzogenbergs während seinen letzten Jahren, Tochter von Thomaskantor Moritz Hauptmann, Leipzig. Nach dem Tode Heinrich von Herzogenbergs war Helene Hauptmann von 1901 bis 1913 fast jeden Sommer Gast von Elise Breiderhoff im ‹Morgenroth›. Leider ist über ihr weiteres Leben nichts in Erfahrung zu bringen.
- Joseph Joachim, Geigenvirtuose, seit 1868 Direktor der neu gegründeten kgl. Musikhochschule in Berlin, sowie sein Sohn Johannes Joachim, Patensohn von Johannes Brahms und Elise Breiderhoff.
- Friedrich ‹Fritz› Spitta, Theologieprofessor in Strassburg, der für Herzogenberg die Texte zu dessen kirchlichen Werken verfasste.
- Karl Klingler vom berühmten Klingler-Quartett.
- Dr. F. Stockhausen. Elisabeth von Herzogenberg war eine geborene Stockhausen.
- Ernst von Wildenbruch, Dichter patriotischer Lieder und von Pathos getragener Balladen. Als Dramatiker der wilhelminischen Zeit behandelte er mit Neigung zum Theatralischen historische und patriotische Stoffe. - Wildenbruch trug sich am 15. und 17. August 1902 ins Gästebuch des ‹Morgenroth› ein, anlässlich seines Besuchs im ‹Abendroth› mit seinen verschlossenen Fensterläden und verschalten Balkonen. In der Folge schrieb er «Das tote Haus am Bodensee».
- Wilhelm und Rose Röchling von der Eisen- und Stahlwerke GmbH in Völklingen/Saar, neue Besitzer des ‹Abendroth›.
 

Hauskonzert im ‹Morgenroth› 1918. Zeichnung von Paul Tanner,
Kunstmaler in Herisau, Schöpfer der Ausserrhoder Frauentracht.

 

 




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